Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg fordert Zuchtstopp, Transparenz und Ausstiegsplan
Stuttgart – Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg trauert um das in der Wilhelma verstorbene Koala-Jungtier. Laut Wilhelma starb das 14 Monate alte Tier an einer Atemwegserkrankung; weitere Details sind bislang nicht veröffentlicht. wilhelma.de MfT BW spekuliert nicht über den Einzelfall. Zugleich nehmen wir die öffentliche Einordnung des Wilhelma-Direktors zum Anlass, zentrale Aussagen sachlich zu prüfen und die Systemfrage zu stellen: Warum werden Koalas in Stuttgart weiterhin gezüchtet und zur Schau gestellt?
„Sensationeller Zuchterfolg“ und „Reservepopulation“
Die Wilhelma wertet die Geburt als Zuchterfolg und Beitrag zu einer „Reservepopulation“. Richtig ist: In Europa handelt es sich um ex-situ-Zuchtprogramme (EEP). Nach dem Kenntnisstand von Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg existiert kein belastbarer Auswilderungspfad für in europäischen Zoos geborene Koalas nach Australien (Biosecurity-/Erregerrisiken, fehlende Programme). „Reservepopulation“ bedeutet damit faktisch Bestandsmanagement in Gefangenschaft – kein Artenschutz in Freiheit. Wer Zucht als Artenschutz kommuniziert, muss transparent belegen, wie und wohin Nachkommen jemals in freie Populationen integriert werden sollen. Diese Perspektive fehlt. EAZA-Dokumente formulieren für das europäische Koala-Zuchtprogramm explizit: „New imports from Australia are needed to increase the genetic diversity in the Koala EEP“; 2023 wurden „two males and two females […] by Wilhelma Zoo (Germany)“ importiert. Eine Auswilderungslinie aus europäischen Zoos nach Australien wird nicht beschrieben. Strapi
„Genetisch extrem wertvoll“
„Genetischer Wert“ hat naturschutzfachliche Bedeutung nur, wenn eine Rückführung in die Natur realistisch angelegt ist. Ohne Auswilderungspfad bleibt der Verweis auf genetische Wertigkeit innerhalb der Zookohorte stehen – ethisch bleibt die Frage offen, warum weitere Individuen in Gefangenschaft produziert werden sollen, die niemals frei leben werden.
„In der Natur sterben Jungtiere deutlich häufiger als in Zoos“
Der Wilhelma-Direktor erklärte, „Todesfälle bei Jungtieren in der Natur [kämen] deutlich häufiger vor als in Zoos“.
Diese pauschale Gegenüberstellung hält einer Prüfung so nicht stand:
Eine aktuelle Studie aus Australien ermittelte bei einer Zoopopulation eine „Neugeborenensterblichkeit“ (Verlust von Beuteltieren während der frühen Aufzucht) von 41,2 %pmc.ncbi.nlm.nih.gov. Konkret verloren in dieser Untersuchung 7 von 17 gezüchteten Koalas ihr Jungtier. Dagegen errechnete eine Feldstudie in Südost-Queensland eine Überlebensrate der Wild-Joeys von ca. 71,2 % (sprich: ~28,8 % Sterblichkeit) bis zum ersten Jahr bohrium.com.
- Gefangenschaft: Eine Studie an 39 Zuchttieren (Südost-Queensland) fand, dass 17 Weibchen erfolgreich gebaren und anschließend 7 Jungtiere starben (Sterberate 41,18 %). Ältere Quellen sprechen von durchschnittlich 10–37 % Verlust, warnen aber, dass aktuelle Zahlen fehlen pmc.ncbi.nlm.nih.gov.
- Wildpopulation: In Freilandstudien liegen die Verlustraten oft niedriger. Beispiel: Unter Managementmaßnahmen überlebten etwa 71,2 % der Koala-Joeys in einem australischen Schutzgebiet bis zum ersten Geburtstag bohrium.com. Das heißt, nur etwa 28,8 % starben (ohne Mutter-Todesfälle). Koala-Morbidität in der Wildnis wird vor allem durch Verkehr, Raubtiere und Infektionskrankheiten (Chlamydien, Koala-Retrovirus) dominiert pmc.ncbi.nlm.nih.govscientificamerican.com.
Diese Zahlen zeigen: Dr. Kölpins Behauptung, „Todesfälle bei Jungtieren in der Natur deutlich häufiger vorkommen als in Zoos“, widerspricht zumindest dem zitierten Forschungsbefund. Die Daten deuten eher auf umgekehrte Relation hin (Wildsterblichkeit ~29 % vs. Zoo ~41 %) bohrium.compmc.ncbi.nlm.nih.gov.
Forderungen von MfT BW
- Sofortiger Zuchtstopp für Koalas und andere Wildtiere.
- Transparenz: Veröffentlichung des Obduktionsberichts, jährliche Mortalitäts-/Morbiditätsdaten und unabhängige Audits. (Bislang: keine Details zum Fall Jimbelung; Obduktion angekündigt.) stuttgarter-zeitung.de
- Kein weiterer Import von Koalas; Einfrieren aller Bestandsaufstockungen.
- Ausstiegs- und Transformationsplan der Wilhelma zu einem tierfreien Bildungs-, Natur- und Artenschutzcampus (Schwerpunkt: Habitat-/Waldschutz für Koalas in Australien, Citizen-Science, digitale Bildung).
Weitere Informationen
Ausführlicher Faktencheck und Quellen im Blog:
tierrechte-bw.de/koala-jungtier-in-der-wilhelma-gestorben-trauer-faktencheck-und-klare-forderung-nach-einem-ausstieg-aus-der-tierhaltung/
Vision von Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg für moderne Tierbildung:

