Eine neue wissenschaftliche Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit zeigt: Schnelles Wachstum, Stress im Stall und Eingriffe wie das Schnabelkürzen können erhebliche Belastungen für Puten verursachen. Die Analyse bestätigt viele Probleme, die seit Jahren aus der intensiven Haltung bekannt sind.
EU-Behörde bestätigt schwere Probleme in der Putenhaltung
Die European Food Safety Authority (EFSA) hat eine umfassende wissenschaftliche Bewertung zum Wohlbefinden von Puten veröffentlicht. In der Analyse werden zahlreiche Risiken für Gesundheit und Verhalten der Tiere beschrieben, die mit der intensiven Haltung zusammenhängen.
Die Bewertung fasst den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammen und untersucht, welche Faktoren das Wohlbefinden von landwirtschaftlich genutzten Puten beeinträchtigen können.
Viele der beschriebenen Probleme sind aus der Praxis der intensiven Tierhaltung bereits seit Jahren bekannt. Die wissenschaftliche Bewertung bestätigt jedoch erneut, dass sie systematisch auftreten und mit grundlegenden Strukturen der heutigen Haltung zusammenhängen.
In Deutschland werden gleichzeitig rund neun Millionen Puten gehalten. Da in den Mastbetrieben mehrere Durchgänge pro Jahr stattfinden, werden insgesamt etwa 30 Millionen Tiere jährlich getötet.
Extremes Wachstum belastet den Körper der Tiere
Ein zentrales Thema der Bewertung ist die Zucht auf besonders schnelles Wachstum und hohes Körpergewicht.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Gewicht von Puten in der Mast stark verändert. Während männliche Tiere in den 1960er-Jahren häufig etwa 8 bis 10 Kilogramm Körpergewicht erreichten, wiegen sie heute am Ende der Mast oft über 20 Kilogramm – also mehr als doppelt so viel.
Laut der wissenschaftlichen Bewertung der EFSA kann dieses schnelle Wachstum mit gesundheitlichen Problemen verbunden sein. Dazu zählen unter anderem Beinprobleme, Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit, da Knochen und Gelenke stark belastet werden.
Stress und Verletzungen in großen Tiergruppen
Neben der Zucht beschreibt die EFSA auch die Haltungsbedingungen als wichtigen Faktor für das Wohlbefinden der Tiere.
In der intensiven Mast leben viele Puten gemeinsam in großen Stallanlagen. Dabei können Besatzdichten von bis zu etwa 40 Kilogramm Tiergewicht pro Quadratmeter erreicht werden. Unter solchen Bedingungen können Stress und Verhaltensstörungen auftreten.
Die EFSA nennt insbesondere Federpicken und aggressives Verhalten zwischen den Tieren als mögliche Folge solcher Haltungsbedingungen. Diese Auseinandersetzungen können zu Verletzungen führen.
Schnabelkürzen als umstrittener Eingriff
Um Verletzungen durch gegenseitiges Picken zu reduzieren, wird in vielen Betrieben ein Teil des Schnabels entfernt. Dieser Eingriff erfolgt meist bereits im Kükenalter.
Der Eingriff findet normalerweise am ersten Lebenstag in der Brüterei statt, also bevor die Küken in die Mastbetriebe kommen.
Der Ablauf ist so:
- Die Küken werden automatisch vereinzelt
Sie laufen auf einem Förderband oder durch eine automatische Anlage. - Der Kopf wird kurz fixiert
Damit der Schnabel genau positioniert ist. - Infrarotenergie wird auf die Schnabelspitze gerichtet
Das Gerät bestrahlt gezielt den vorderen Teil des Schnabels. - Das Gewebe stirbt anschließend teilweise ab
In den folgenden Tagen trocknet die behandelte Schnabelspitze aus. - Die Spitze löst sich nach einigen Tagen ab
Dadurch bleibt der Schnabel dauerhaft kürzer.
Die EFSA weist darauf hin, dass der Schnabel ein empfindliches Organ mit zahlreichen Nerven ist. Das Schnabelkürzen kann deshalb selbst Schmerzen verursachen und wird als belastender Eingriff für die Tiere bewertet.
Weitere Risiken im Stall
Neben Wachstum und Besatzdichte nennt die EFSA auch Umweltbedingungen im Stall als mögliche Ursache für gesundheitliche Probleme.
Ein häufig beschriebenes Problem ist nasse oder verschmutzte Einstreu, die zu schmerzhaften Entzündungen an den Füßen führen kann. Auch hohe Konzentrationen von Ammoniak in der Stallluft können Augen und Atemwege der Tiere reizen.
Darüber hinaus fehlen in vielen Haltungssystemen Möglichkeiten für natürliches Verhalten, etwa erhöhte Sitzstrukturen oder Beschäftigungsmaterial.
Millionen Tiere betroffen
Die wissenschaftliche Bewertung bezieht sich auf Haltungssysteme in Europa. Auch in Deutschland werden Puten in großem Umfang gehalten.
Nach Daten der Landwirtschaftsstatistik leben hier gleichzeitig rund neun Millionen Puten in Mastbetrieben. Da mehrere Mastdurchgänge pro Jahr stattfinden, werden insgesamt etwa 30 Millionen Tiere jährlich geschlachtet.
„Mehrere der wichtigsten Gefährdungen für das Wohlbefinden von Puten entstehen aus der Kombination von genetischer Selektion auf schnelles Wachstum und den Bedingungen der intensiven Haltung.“
Rechtliche Schritte gegen bestehende Praxis
Auch in Deutschland stehen zentrale Praktiken der Putenhaltung zunehmend rechtlich in der Kritik.
Unsere Organisation hat deshalb im Rahmen des Verbandsklagerechts zwei Klagen eingereicht:
- eine Klage gegen die bestehenden Bedingungen der Putenhaltung
- eine Klage gegen das Schnabelkürzen bei Puten
Mit diesen Verfahren soll überprüft werden, ob zentrale Praktiken der industriellen Putenhaltung mit dem geltenden Tierschutzrecht vereinbar sind.
Solche Verfahren sind komplex und können sich über mehrere Jahre erstrecken.
Unterstützung für die Klage gegen das Schnabelkürzen
Das Kürzen der Schnäbel von Puten ist eigentlich seit 1986 verboten, also seit fast 40 Jahren. Doch wie in so vielen Bereichen der Tierindustrie, wird dieses Verbot in gängiger Praxis umgangen. Die Veterinärämter verteilen großzügig Ausnahmegenehmigungen und die Industrie kann ungestört weiter Tiere bis zum Maximum finanziell auspressen.
Warum das funktioniert? Weil bisher niemand rechtlich dagegen vorgehen konnte. Wir wollen das ändern und brauchen Ihre Hilfe! Denn Rechtsstreits sind vor allem eines – teuer. Die Industrie ist uns Tierschützern finanziell haushoch überlegen. Wird ein Unternehmen von ihnen verklagt, stehen Vereine wie der Geflügelverband großzügig zur Seite. Über dieses Ungleichgewicht sind sich alle Seiten bewusst und so wiegt sich die Industrie in Sicherheit.
Für unsere Klage gegen das Schnabelkürzen sammeln wir derzeit Spenden. Juristische Verfahren im Tierschutz sind aufwendig: Gutachten müssen erstellt, wissenschaftliche Belege ausgewertet und Verfahren über mehrere Instanzen geführt werden.
Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, können Sie mit einer Spende dazu beitragen, diese Klage möglich zu machen.
→ Hier können Sie unsere Klage unterstützen und finden zudem weitere Informationen: https://tierrechte-bw.de/klage-gegen-das-schnabelkuerzen-bei-puten/
Was jede und jeder sofort tun kann
Neben politischen und rechtlichen Veränderungen gibt es eine Entscheidung, die jede und jeder unmittelbar treffen kann: keine Produkte aus der Tierindustrie zu konsumieren.
Eine pflanzliche Ernährung reduziert die Nachfrage nach Produkten aus intensiver Tierhaltung und trägt dazu bei, dass weniger Tiere in solchen Systemen gehalten werden.
Berechnungen auf Basis durchschnittlicher Konsumdaten zeigen, dass eine Person, die sich vegan ernährt, im Laufe eines Jahres den Tod von rund 70 bis 100 landwirtschaftlich genutzten Tieren verhindern kann.
Wer also glaubt, dass das eigene Verhalten keinen Einfluss hat, unterschätzt die Wirkung vieler einzelner Entscheidungen.
→ Hier finden Sie Informationen zur pflanzlichen Ernährung: https://tierrechte-bw.de/vegane-ernaehrung/

