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Das Leben der Puten

In Deutschland werden über 12 Millionen Puten gehalten. Während ein natürlicher Verband nicht mehr als einige hundert Tiere umfasst und eine komplexe Sozialstruktur aufweist, leben 90 Prozent der Puten in Deutschland in Betrieben mit über 10.000 Tieren.

Für die Haltung von Puten gibt es keine gesetzlichen Vorgaben abseits der allgemeinen Bestimmungen des Tierschutzgesetzes. Deswegen veröffentlichte der Verband Deutscher Putenerzeuger sogenannte "Bundeseinheitliche Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen".

Meist wird die Hybridrasse "B.U.T. 6" verwendet, welche auch "schwere Zerlegepute" genannt wird. Die Dachorganisation Aviagen Turkeys vereint die großen Zuchtbetriebe und bewirbt die Hybridrasse mit den folgenden Angaben:
- 114.0 Eier bzw. 94.3 Küken in 24 Produktionswochen.
- Durchschnittliche Zunahme von 152.3 g pro Tag für Hähne und 98.3 g pro Tag für Hennen.
- Im Alter von 20 Wochen wiegen die Hähne 21.33 kg, die Puten wiegen 10.32 kg nach 15 Wochen.

Die tierliche Gesundheit

Das sind die Ergebnisse einer auf Umsatzsteigerung ausgerichteten Zucht. Da das Brustfilet bei den Konsumenten besonders beliebt ist, macht die Brustmuskulatur einer modernen Pute 30-40 Prozent des Gesamtgewichts aus. In der Folge verlagert sich der Schwerpunkt nach vorne und die Tiere leiden an Gleichgewichtsstörungen. Aufgrund des rasanten Wachstums kommt die Entwicklung des Skeletts nicht nach und die Tiere erleiden Schäden an Gelenken, Sehnen und Knochen. In einer breit angelegten Feldstudie mit Tieren aus 24 Betrieben in sieben Bundesländern wurden bei fast jeder dritten Putenhenne "hochgradige Fußballenveränderungen" diagnostiziert. Nur ein Prozent der Tiere haben am Ende der Masterperiode noch gesunde Fußballen. Die Tiere erleiden Knochenverbiegungen und teilweise brechen die Oberschenkelknochen unter dem Körpergewicht zusammen. Die Bänder, Sehnen und Gelenke sind überlastet. Das wird zusammengefasst als "Beinschwächesyndrom". Es ist irreführend, denn das Problem stellt nicht die Schwäche der Beine dar, sondern die enorme Belastung des gemästeten Körpergewichts. Im Vergleich zur Wildform wiegen die heutigen Mastputen dreimal so viel.

Aufgrund der Verletzungen und Entzündungen der Beine bewegen sich die Puten weniger und liegen längere Zeit auf dem vollgekoteten Boden. Dabei erleiden die Tiere Geschwüre und Entzündungen an der übergroßen Brust.

Etwa zehn Prozent der Putenhähne sterben noch während der Mast an den Folgen der Zucht und den Haltungsbedingungen. So ausgeschiedene Tiere werden als Tierverlust dokumentiert. Die Todesursache ist bei bis zu 35 Prozent der Tiere eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Diese wird begünstigt durch das schnelle Wachstum, die hohen Temperaturen inmitten der Tausenden Tiere und dem sozialen Stress. Besonders häufig ist der Riss der Hauptschlagader aufgrund des hohen Gewichts.

Ebenfalls dem Stress geschuldet kommt es zu Verhaltensstörungen wie Pick- und Hackverletzungen vor allem an Kopf, Hals und Kloake sowie zu Kannibalismus. Auf dem Boden liegende Tiere erleiden Kratzverletzungen von Tieren, welche über ihre Artgenossen steigen. Diese Wunden erhöhen das Risiko von Infektionen.

Hinzu kommt, dass das vollgekotete Einstreu am Boden, das Schleimhaut und Augen reizende Gas Ammoniak in der Raumluft, sowie Bakterien, Viren und Pilze in der Umgebung das Immunsystem dauerhaft belasten. Bei den üblichen Besatzdichten von 3 Hähnen pro m² (58 kg Lebendgewicht pro m²) oder 5 Hennen pro m² (52 kg Lebendgewicht pro m²) sind Atemwegserkrankungen kaum zu vermeiden.

Um die zwangsläufig auftretenden Infektionserkrankungen zu bekämpfen, werden die Tiere mit Antibiotika im Trinkwasser behandelt. Dabei ist eine gezielte Behandlung kranker Tiere nicht möglich und so erhält der gesamte Bestand die Antibiotika. Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 wurden in Nordrhein-Westfalen 90 Prozent der Mastdurchgänge mit Antibiotika behandelt. Zwei Jahre zuvor kam eine andere Studie zu dem Schluss, dass in über 60 Prozent der Ställe das Trinkwasser der Tiere auch außerhalb von Therapiezeiten Antibiotika-Rückstände aufwies.

Der tierliche Lebenslauf

Das Leben der in Deutschland gehaltenen Puten beginnt mit der künstlichen Besamung eines Muttertieres. In sogenannten Vermehrungsbetrieben leben insgesamt ca. 600.000 Tiere, welche nach Geschlecht getrennt gehalten und regelmäßig ent- bzw. besamt werden. Der natürliche Geschlechtsakt ist aufgrund der angezüchteten Anatomie der Tiere nicht mehr möglich und wäre zudem wirtschaftlich weniger profitabel.

Für die Absamung der Putenhähne wird das Tier auf eine Matte gepresst oder kopfüber in einen Trichter gesteckt. Mitarbeiter sammeln mit einer Spritze das Sperma, indem sie die Geschlechtsteile reiben und das Sperma ausdrücken. Jeder Putenhahn wird so zwei- bis dreimal pro Woche abgesamt. Für die Besamung werden die weiblichen Tiere in einen speziellen Trakt getrieben, dort werden sie unter den Arm geklemmt und es wird ihnen eine Besamungsspritze in die Vagina eingeführt. Diese Prozedur durchlebt jedes Muttertier einmal die Woche, da das Sperma nicht länger fruchtbar ist und folglich erneuert werden muss. Nach circa einem halben Jahr sind die Elterntiere vom dauerhaften Eier legen und besamt werden ausgelaugt und nicht mehr rentabel. Sie werden getötet.

Die befruchteten Eier werden in vollautomatischen Brutschränken ausgebrütet und es schlüpfen sogenannte "Gebrauchsschlachtküken". In ihrem ganzen Leben haben die Tiere keinen Kontakt zu ihren Eltern bzw. Kindern. Unabhängig von ihrem späteren Schicksal werden die Schnäbel aller Küken betäubungslos gekürzt. Hierfür gibt es Maschinen, welche 4000 Küken pro Stunde behandeln. Der sogenannte Brenner richtet einen Laserstrahl von oben auf den Schnabel. Unter der extremen Hitze bilden sich Blasen, das Gewebe verschorft und nach einigen Tagen fällt die Schnabelspitze vollständig ab. Obwohl dieser Eingriff laut Tierschutzgesetz eine verbotene Amputation darstellt, umgehen die verantwortlichen Behörden das Verbot mit Sondergenehmigungen. Dabei ist bekannt, dass das Schnabelkürzen die Ursachen des Federpickens nicht behebt.

Nach dem Transport von den Brütereien leben die jungen Tiere die ersten Tage im Mastbetrieb in voneinander getrennten Bereichen, sogenannten Aufzuchtringen. Diese werden bis zu 23 Stunden am Tag hell erleuchtet, um sicherzustellen, dass die Tiere so früh wie möglich an Körpergewicht zunehmen und Hungertode vermieden werden. Nach etwa einer Woche werden die Begrenzungen aufgehoben und die Tiere werden in Gruppen zu einigen Tausend Putenhennen oder Putenhähnen gemästet. Die sogenannte Langmast ist mit 95 Prozent das übliche Mastverfahren. Dabei werden die weiblichen Puten nach 15-17 Wochen und die männlichen nach 19-22 Wochen geschlachtet. Im Fall der Kurzmast werden die Tiere bereits nach 9-12 Wochen geschlachtet und als "Baby-Puten" vermarktet.

Bei den üblichen Besatzdichten und dem rapiden Wachstum der Tiere wird das Platzangebot schnell sehr beengt. Nur eine dünne Schicht frischer Einstreu wird regelmäßig nachgestreut. Die Tiere bewegen sich kaum und liegen länger auf dem vollgekoteten Boden. Gefiederpflege oder Sandbaden sind kaum möglich. Auch sonstige Beschäftigungsmöglichkeiten fehlen, was den Abbau von Stress erschwert und Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus fördert. Die natürlichen Grundbedürfnisse wie Sozialverhalten, Körperpflege, Ruheverhalten, Bewegungsarten wie Flattern und Rennen und Nahrungssuche mit Scharren, Graben und Picken werden in der Mast meist ignoriert.

Am Ende der Mast werden die "schlachtreifen" Puten in Transportbehälter gesperrt und auf LKW's verladen. 12 Stunden ohne Zugang zu Futter oder Wasser ist während des Transports laut Tierschutz-Transportverordnung erlaubt. Mangels Kontrollen und aufgrund ständigen Zeitdrucks ist der Umgang mit den Tieren bei der Verladung äußerst rau und Knochenbrüche, sowie Blutungen der Tiere keine Seltenheit.

Im Schlachtbetrieb angekommen erfordert die Tierschutz-Schlachtverordnung, dass die Tiere vor der Tötung betäubt werden. Hier kommt meist die Elektrobetäubung zum Einsatz, bei welcher die Tiere kopfüber an den Beinen in Metallbügel eingehängt werden. Die Situation und der schmerzhafte Zug des eigenen Körpergewichts an den Fußgelenken stellen massiven Stress für die Puten dar. Die Verletzungen der Füße und Beine verschlimmern die Situation für die Tiere weiter. In dieser Position dürfen Puten laut Verordnung bis zu zwei Minuten hängen gelassen werden, während derer die Tiere bei Abwehrbewegungen weitere Knochenbrüche und Verrenkungen erleiden. Eine Förderkette zieht die Tiere schließlich durch ein Elektro-Wasserbad. Der Strom führt zu Muskelkrämpfen und zusätzlichen Knochenbrüchen. Wenn die Flügelspitzen zuerst in das Wasser tauchen, erleiden die Tiere schmerzhafte Elektroschocks und heben teilweise reflexartig den Kopf an. Derart fehlbetäubte Tiere erleben den nachfolgenden Schritt der Entblutung bei vollem Bewusstsein mit. Aus wirtschaftlichen Gründen wird in solchen Fällen der Schlachtbetrieb fast nie unterbrochen. Bei der seltener vorkommenden Gasbetäubung werden die Transportkisten mit den Puten in einen Tunnel geleitet, in welchem die Tiere durch Sauerstoffmangel betäubt werden sollen. Bis zu eine Minute kämpfen die Tiere durch Kopfschütteln, Keuchen und Flügelschlagen gegen die Atemnot.

Nach der Betäubung durchtrennt ein Mitarbeiter oder ein sogenannter Halsschnittautomat die Halsschlagadern, die Haut wird in einem Brühbad aufgeweicht und eine Rupfmaschine entfernt die Federn. Damit endet das Leben der 4-5 Monate alten Puten, deren wilde Artgenossen eine Lebenserwartung von 15 Jahren haben. Über 37 Millionen Puten wurden so im Jahr 2016 in Deutschland geschlachtet.

Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg gibt es 283 Zuchtbetriebe, welche zusammen über eine Million Puten halten. Der größte Teil (über 650.000 Puten) wird dabei im Landkreis Schwäbisch Hall von 62 Betrieben gehalten. Auch in Baden-Württemberg findet sich der Trend zu weniger und dafür größeren Betrieben. So halbierte sich die Zahl der Putenhalter in den letzten 15 Jahren, während gleichzeitig die Zahl der Puten um fast 50 Prozent zunahm.

 

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